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09.09.2025

„Adolescence“ und die Gefahr durch die Incel-Szene

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3 Minuten Lesezeit
11-17 Jahre
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Social Media
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Artikel
Netflix

Jamie ist 13 Jahre alt, ein unauffälliger Junge, der ein durchschnittliches Leben führt. Bis er eines Nachts eine Mitschülerin tötet. Die ermittelnden Polizisten finden sich in Jamies Schule schnell in einer Atmosphäre wieder, die geprägt ist von überzogenen Männlichkeitsbildern, Mobbing, Feindseligkeit und zahlreichen Anspielungen auf die Incel-Szene.

Das ist die Geschichte von Adolescence, einer Serie, die 2025 auf Netflix veröffentlicht wurde und große Wellen schlug. Denn auch Jugendliche und junge Männer können online mit der Incel-Ideologie in Berührung kommen – und das ist äußerst problematisch.

Was sind Incels?

„Incel“ ist eine Mischung aus den englischen Wörtern „involuntary“ („unfreiwillig“) und „celibate“ („sexuell enthaltsam“). So bezeichnen sich Männer, die keine romantischen Beziehungen zu Frauen haben und darunter leiden. Ursprünglich entstand der Begriff in einer Online-Selbsthilfegruppe für schüchterne Menschen. Mittlerweile hat sich daraus jedoch eine Ideologie entwickelt, die zunehmend radikalisiert ist.

Incels kehren ihren Frust in Frauenhass um. Sie wünschen sich eine Gesellschaft, in der Frauen unterworfen sind und Männer das Sagen haben – ein extremes Patriarchat. In Foren und auf Social-Media-Plattformen verbreiten sie Tipps, wie man ein ‚Alpha Mann‘ sein könnte, also ein besonders dominanter „starker Mann“, der Frauen manipuliert und unterwirft. Die Ratschläge reichen von scheinbar harmlosen „Fitness-Tipps“ bis zu klar frauenfeindlichen Strategien.

Häufig gibt es Überschneidungen zur rechtsextremen Szene, die ein ähnlich konservatives Geschlechterbild vertritt. Eine sehr bekannte Figur ist Andrew Tate, der auf X, Instagram, YouTube und TikTok Millionen junger Follower*innen erreicht. Mit provokanten Aussagen und auffälligem Lebensstil – schnelle Autos, teure Uhren, Frauen als „Statussymbol“ – vermittelt er Jugendlichen, Männlichkeit bedeute Dominanz und Macht.

Die radikale Ideologie mündete bereits mehrfach in Straftaten – Belästigung, Missbrauch und sogar Morde an Frauen. In den USA, Kanada und Europa gab es Fälle, in denen Täter sich ausdrücklich auf die Incel-Szene beriefen. Behörden stufen sie daher inzwischen als sicherheitsrelevantes Phänomen ein.

Was fasziniert Jugendliche daran?

Gerade in der Jugend erleben junge Menschen Unsicherheit und Selbstzweifel und machen sich auf die Suche nach Vorbildern – auch im Netz. Stoßen sie dabei auf Incel-Gruppen, kann dies zunächst faszinierend wirken. Die Männer inszenieren sich als stark, selbstsicher und erfolgreich – und versprechen, dass auch ihre Follower*innen so werden können.

Besonders für schüchterne oder einsame Jungen scheint es hier Verständnis, Gemeinschaft und einfache Lösungen zu geben. „Hier versteht mich endlich jemand“, so beschreiben manche Jugendliche das Gefühl, wenn sie auf entsprechende Videos oder Foren stoßen. Die problematischen und gewaltverherrlichenden Ideen treten oft erst später hervor und sind in eingängigen Clips schwer zu entlarven.

Soziale Netzwerke können diesen Effekt verstärken: Wer einmal mit entsprechenden Inhalten in Berührung kommt, bekommt durch Algorithmen immer mehr davon angezeigt. Der Eindruck entsteht, diese Weltsicht sei „normal‘“ und weit verbreitet. Memes, kurze Clips und sogar geheime Emoji-Codes transportieren Botschaften, die Eltern oft gar nicht erkennen können. So kann die Szene sehr schnell polarisieren und radikalisieren.

Was kann problematisch sein?

  • Radikalisierungsschleifen: Algorithmen verstärken einseitige Weltbilder.
  • Verzerrte Rollenbilder: Frauen werden abgewertet, Männer auf Dominanz reduziert.
  • Isolation: Jugendliche kapseln sich ab, weil nur noch die Szene „Verständnis“ zeigt.
  • Gewaltfantasien: Von harmlosen Memes ist es oft nur ein kleiner Schritt zu aggressiven Inhalten.

Was Eltern beachten sollten

Selbstwert, Umgang miteinander, Geschlechterbilder und Werte – all diese Dinge werden in der Jugend hinterfragt und neu ausgehandelt. Jugendliche suchen nach Orientierung und Vorbildern. Wichtig ist, dass sie diese zuerst zu Hause und im nahen Umfeld finden. Prägen Sie daher bewusst einen respektvollen Umgang miteinander. Sprechen Sie über Ihre Werte und stärken Sie das Selbstbewusstsein Ihres Kindes. Das ist der beste Schutz davor, dass es sich zweifelhaften Vorbildern zuwendet.

Wenn Ihr Kind bereits mit Inhalten aus der Incel-Szene in Kontakt gekommen ist, bleiben Sie offen, interessiert und sensibel. Fragen Sie nach, was es daran interessiert oder anspricht, sprechen Sie über Themen und Unsicherheiten – und zeigen Sie Verständnis, statt zu verurteilen. Nur so bleiben Sie im Gespräch.

Hilfreich ist es außerdem:

  • Gemeinsam recherchieren: Nutzen Sie kindgerechte Informationsseiten, etwa von klicksafe oder der Bundeszentrale für politische Bildung.
  • Kritisches Denken fördern: Erklären Sie, wie extremistische Inhalte funktionieren – durch Feindbilder, Vereinfachungen oder Verschwörungsmythen.
  • Eigene Haltung klar machen: Sprechen Sie über Gleichberechtigung, Respekt und Empathie. Zeigen Sie, dass ein „starker Mann“ nicht der lauteste oder aggressivste ist, sondern jemand, der Verantwortung übernimmt.
  • Warnsignale ernst nehmen: Rückzug, plötzliche Abwertung von Mädchen, extreme Wut oder auffällige Orientierung an radikalen Communitys/Szenen können Hinweise darauf sein, dass ein Kind in problematische Inhalte abrutscht.
  • Online aktiv begleiten: Machen Sie sich mit den Plattformen vertraut, die Ihr Kind nutzt. Zeigen Sie ihm Melde- und Blockierfunktionen und besprechen Sie, wie Algorithmen Inhalte auswählen. Erklären Sie, wie man diese Inhalte „pflegen“ oder zurücksetzen kann, damit das Online-Erlebnis Ihres Kindes sicherer und gesünder bleibt.

Und: Wenn Sie den Eindruck haben, selbst nicht weiterzukommen, holen Sie sich Hilfe – bei vertrauten Personen, psychologischen Fachkräften oder Angeboten wie der Nummer gegen Kummer. Auch Schulen, Jugendämter oder Beratungsstellen können unterstützen.

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