Stellen Sie sich vor: Ihr Kind sitzt auf dem Sofa und scrollt durch TikTok. Plötzlich hält es an, schaut ein Video länger und grinst. Sie fragen nach, was da gerade so witzig ist. „Die ist einfach sympathisch“, sagt ihr Kind und zeigt Ihnen das Video. Eine junge Frau schminkt sich darin und erzählt ganz nebenbei von einem peinlichen Erlebnis in der Schule. Nichts wirkt geschniegelt oder perfekt. Gerade das macht den Clip so glaubwürdig. Was hier aussieht wie ein spontaner Moment, ist jedoch häufig sorgfältig geplant.
Perfekt inszenierte Social-Media-Feeds, die ein scheinbar perfektes Leben zeigen, gibt es noch immer. Viele Nutzer*innen wünschen sich heute jedoch weniger Hochglanz und mehr Alltag. Deshalb sind auf TikTok, Instagram und YouTube inzwischen vor allem Videos erfolgreich, die möglichst ungeplant und ehrlich aussehen. Ein aktuelles Beispiel ist der sogenannte BTW-Trend (by the way). Auch Formate wie „Get Ready With Me“ (GRWM), „Day in my Life“ oder Vlogs arbeiten mit diesem Prinzip. Influencer*innen erzählen von ihrem Alltag, sprechen über Selbstzweifel oder einen schlechten Tag und erscheinen dadurch besonders nahbar. Viele dieser Formate wirken, als würden sie ganz nebenbei aus dem Alltag erzählen. Dadurch entsteht der Eindruck, man begleite jemanden einfach durch den Alltag. Hinter den Kulissen wird aber genau überlegt, welche Szenen gezeigt werden und welche nicht. Was spontan wirkt, ist selten Zufall. Selbst kleine Pannen oder beiläufige Gespräche werden manchmal absichtlich im Video gelassen.
Dass solche Formate selbst parodiert werden, zeigt, wie schnell sich Trends auf Social Media weiterentwickeln. Manche Influencer*innen greifen den Stil bewusst übertrieben auf und machen sich so über den Trend lustig. Dabei schminken sie sich zum Beispiel und erzählen plötzlich von Themen, die man in einem solchen Video nicht erwarten würde. Was als Gegenbewegung zu perfekt inszenierten Inhalten begann, kann wieder Teil einer neuen Inszenierung werden. Das heißt jedoch nicht, dass diese Geschichten erfunden sind. Viele Influencer*innen erzählen tatsächlich aus ihrem Leben. Sie entscheiden aber selbst, was sie zeigen und was privat bleibt. So entsteht ein Bild, das glaubwürdig wirkt, obwohl es immer nur einen ausgewählten Ausschnitt zeigt.
Für viele Influencer*innen gehört es inzwischen zum Erfolgsrezept, möglichst authentisch zu wirken. Dadurch entsteht oft eine enge Bindung zur Community. Davon profitieren später auch Kooperationen und Produktempfehlungen.
Kinder und Jugendliche möchten dazugehören und suchen Orientierung. Deshalb sind sie häufig empfänglich für Influencer*innen, die offen über ihren Alltag, Unsicherheiten oder Fehler sprechen. Viele erkennen sich darin wieder. Mit der Zeit haben Kinder und Jugendliche das Gefühl, diese Person wirklich zu kennen. Fachleute sprechen dann von einer parasozialen Beziehung. Dadurch wirken Empfehlungen eher wie ein Tipp von einer vertrauten Person und nicht wie Werbung.
Wenn Influencer*innen offen über Fehler sprechen oder zugeben, dass etwas schiefgelaufen ist, wirkt das auf viele Kinder und Jugendliche entlastend. Trotzdem bleibt auch diese Offenheit Teil einer bewussten Inszenierung.
Je persönlicher Inhalte wirken, desto leichter entsteht der Eindruck, das Leben einer Person wirklich zu kennen. Tatsächlich sehen Kinder und Jugendliche aber nur einen ausgewählten Ausschnitt.
Hinzu kommt, dass Werbung heute kaum noch von persönlichen Geschichten zu unterscheiden ist. Eine Produktempfehlung wirkt schnell wie ein ehrlicher Rat. Gerade deshalb beeinflusst sie Kaufentscheidungen häufig stärker als klassische Werbung.
Auch der Vergleich mit anderen spielt eine Rolle. Selbst Videos, die besonders natürlich aussehen, sind oft sorgfältig gestaltet. Licht, Kamera und Schnitt sorgen dafür, dass alles stimmig wirkt. So kann leicht der Eindruck entstehen, sogar Unperfektheit müsse noch gut aussehen.
Die Algorithmen der Plattformen verstärken diesen Effekt. Wer viele solcher Videos anschaut, bekommt von den Plattformen immer mehr ähnliche Inhalte angezeigt. So entsteht schnell das Gefühl, alle würden ihr Leben auf diese Weise zeigen.
Sie müssen nicht jeden Trend kennen, um Ihr Kind begleiten zu können. Wichtiger ist, Interesse zu zeigen. Lassen Sie sich erklären, welche Influencer*innen Ihr Kind gerne anschaut und was es an ihnen mag. Schauen Sie sich einzelne Videos gemeinsam an. Dabei merkt man selbst, wie ehrlich und spontan ein Video wirkt, obwohl dahinter viele Entscheidungen stecken. Fragen wie „Warum wirkt das so echt?“ oder „Was sehen wir hier eigentlich nicht?“ helfen, Inhalte bewusster einzuordnen.
Auch Werbung eignet sich gut als Gesprächsthema. Überlegen Sie gemeinsam, woran sich erkennen lässt, ob jemand mit einem Beitrag Geld verdient oder ein Produkt empfehlen möchte. Fragen Sie Ihr Kind auch, warum ein Video veröffentlicht wurde und was damit erreicht werden soll. Wer solche Strategien erkennt, kann Inhalte leichter kritisch einordnen.
Wenn Ihr Kind häufig von einer Person aus den sozialen Medien erzählt, ist das zunächst nichts Ungewöhnliches. Nutzen Sie diese Begeisterung als Gesprächsanlass. Sprechen Sie darüber, warum sich manche Influencer*innen fast wie Freund*innen anfühlen, obwohl die Beziehung nur in eine Richtung besteht.
Social Media muss kein Problem sein. Wer versteht, wie Nähe und Vertrauen entstehen, kann Inhalte besser einordnen und erkennt leichter, dass hinter scheinbar spontanen Momenten oft bewusste Entscheidungen stehen.