Kinder und Jugendliche begegnen queeren Themen häufig über Social Media. Auf TikTok, Instagram, YouTube, Twitch und Co geben queere Influencer*innen Einblicke in ihr Leben: Sie sprechen über Mode, Körperbilder oder Politik, zeigen Reisen, Routinen oder ganz alltägliche Situationen. Sie machen so queere Lebensrealitäten in all ihren Facetten sichtbar. Für viele junge Menschen sind diese Inhalte Teil ihrer alltäglichen Medienwelt – manchmal beiläufig, manchmal sehr bedeutsam.
Queere Influencer*innen bewegen sich in ganz unterschiedlichen Themenfeldern. Sie machen Fitness– oder Beauty-Content, sind politisch aktiv oder erzählen aus ihrem Alltag. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich der LGBTQIA+-Community zugehörig fühlen und dies offen kommunizieren. Sie können zum Beispiel schwul, lesbisch, bi, trans, nicht-binär, intergeschlechtlich oder asexuell sein. Mehr zu den Begriffen finden Sie im Online-Lexikon von kindersache.
Wie stark das Queer-Sein in ihren Profilen im Vordergrund steht, ist sehr unterschiedlich. Manche teilen regelmäßig ihre persönlichen Erfahrungen und besprechen Themen wie Identität, Coming-out, Körperbilder, Liebe und Freundschaft. Dabei thematisieren sie auch Problematisches wie Diskriminierung und setzen sich für mehr gesellschaftliche und politische Sichtbarkeit ein. Für andere ist ihre queere Identität eher ein selbstverständlicher Teil ihrer Person, der ihren Content mitprägt, aber nicht immer eine Rolle spielt.
Natürlich gibt es nicht „den“ oder „die“ queere Influencer*in auf Social Media. Die Community ist groß und die Personen sind sehr unterschiedlich. Fünf sehr bekannte Beispiele sind diese:
Einen Einblick in das Leben als Drag Queen ermöglicht Milo Pochylski als Aria Addams. Auf YouTube, Instagram, TikTok und Twitch teilt er Schmink- und „Get ready“-Videos, bäckt unter dem Motto „Only Bakes“, äußert sich zu allerlei Themen des Alltags oder trifft Gäste. Außerdem war er bereits in der TV-Show Queen of Drags zu sehen.
„Your non-binary sibling“ steht ganz oben auf dem Profil: „Dein nicht-binäres Geschwister“: Gialu.mx ist seit 2020 auf sozialen Medien aktiv, macht Content zu Themen wie Transition, Nicht-Binarität und mentaler Gesundheit und erreicht damit fast 2 Millionen Follower*innen auf TikTok und Instagram. Häufige Themen sind der Weg zur eigenen Identität, Körperbilder, gesellschaftliche Vorurteile, aber auch Themen wie Sport oder Ernährung.
Reisen, Heiraten, Mutter werden – das alles passiert auf dem Profil von Vanessa Borck alias Nessiontour. Zunächst nahm sie ihre Follower*innen mit ins Familienleben mit ihrer ersten Frau und der gemeinsamen Tochter. Nach der Trennung trat sie in einer queeren Datingshow und gemeinsam mit einer Profitänzerin in einer Tanzshow auf und macht ihren Alltag als lesbische Frau sichtbar.
Zum Thema Polyamorie der wohl bekannteste Name im deutschsprachigen Raum ist Saskia Michalski. Vor ca. 100.000 Follower*innen spricht Saskia Michalski über das Leben in offenen Beziehungsmodellen, über den eigenen Weg zur nichtbinären (Geschlechts-)Identität, über Toleranz und auch über die Schwierigkeiten. Auch als Autor*in, Podcaster*in, Speaker*in und Berater*in tritt Saskia Michalski auf.
Seit 2017 tummelt sich Tim Kampmann alias twenty4tim auf allen Kanälen: Er bespielt TikTok, Instagram und YouTube, nimmt an Fernsehshows wie „Ich bin ein Star“ teil und arbeitet als Model oder Sänger. Auf Social Media spielt neben Trends, Pranks und Schlaglichtern in sein Leben vor allem sein Freund Edin eine zentrale Rolle.
Kinder und Jugendliche befinden sich in einer Phase, in der sie ihre Identität und ihren Platz in der Welt erst finden müssen. Unter anderem auf Social Media suchen sie nach Orientierung zu allen möglichen Themen: Lebensmodelle und Berufswege, Rollenbilder, Geschlechteridentität und sexuelle Orientierung. Influencer*innen zeigen ihnen dabei ganz unterschiedliche Perspektiven auf. Sie vermitteln Informationen, schaffen Verständnis und sprechen jungen Menschen Selbstbewusstsein zu, ihren eigenen Weg zu gehen. Gerade Kinder und Jugendliche, die sich selbst der queeren Community zuordnen, aber vielleicht keine Vorbilder oder Ansprechpersonen in ihrem direkten Umfeld haben, können sich hier verstanden fühlen oder Kontakte zu Gleichgesinnten knüpfen.
Aber auch wer selbst nicht queer ist, kann den eigenen Horizont erweitern, Verständnis und Toleranz aufbauen und eigene Positionen finden. Gleichzeitig spielt auch Unterhaltung eine große Rolle. Queere Influencer*innen klären nicht nur auf, sondern sind oft kreativ, witzig, stylish, politisch, spielerisch oder provokant. Jugendliche folgen ihnen nicht unbedingt wegen eines Labels, sondern weil sie ihre Inhalte spannend finden.
Ob queer oder nicht: Wenn Kinder und Jugendliche auf Social Media unterwegs sind und Influencer*innen für sich entdecken, können und sollten Eltern sie dabei begleiten. Zeigen Sie Interesse, stellen Sie Fragen und lassen Sie sich auf die Themen ein, die Ihr Kind beschäftigt. So bleiben Sie im Gespräch, bekommen Einblick in seine Medienwelt und können es in seiner Entwicklung unterstützen.
Social Media folgt eigenen Regeln: Vieles wirkt dort leichter, schöner oder aufregender als im „echten“ Leben. Fotos und Videos sind oft stark bearbeitet, Geschichten verkürzt oder zugespitzt. Außerdem geht es bei vielen Inhalten auch darum, Aufmerksamkeit zu bekommen oder Geld zu verdienen. Eine gewisse Skepsis online ist immer sinnvoll.
Sprechen Sie deshalb mit Ihrem Kind darüber, wie es Content einordnen kann: Was ist persönliche Erfahrung, was ist Meinung, was ist Werbung? Machen Sie deutlich, dass es im Netz auch Menschen gibt, deren Aussagen verunsichern, abwerten oder schaden können. Fragen Sie im Zweifel nach, schauen Sie gemeinsam genauer hin und hinterfragen Sie problematische Positionen.
Gerade bei sensiblen Themen wie Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung hat jede Person ihre eigene Geschichte. Mediale Vorbilder können für Kinder und Jugendliche wichtig und stärkend sein. Gleichzeitig brauchen sie Menschen im direkten Umfeld, mit denen sie über ihre Fragen, Gefühle und Erfahrungen sprechen können – Freund*innen, Eltern oder bei schwierigen Fragen auch Fachkräfte aus Beratungsstellen.