Sie tragen Goldketten, bunte Gelnägel und auffällige Kleidung, sie sind laut und präsent – und sie bezeichnen sich selbst als „Fotze“ oder „Bitch“. Für viele junge Frauen, häufig Medienstars oder Musikerinnen, ist das eine bewusste Strategie, solche Schimpfwörter demonstrativ neu zu definieren und so Stärke zu zeigen. Für viele ist das nicht sofort nachvollziehbar oder wirkt wie eine Grenzüberschreitung.
Lena Meyer-Landrut singt über sich selbst als „Skinny Bitch“, Rapperin Ikkimel nennt ihr ganzes Album „FOTZE“ und in Sozialen Netzwerken greifen Mädchen und junge Frauen dieses Muster auf: Sie bezeichnen sich als „fotzig“, tragen die Wörter auf Kleidung oder Schmuck oder schreiben sie in ihre Profile.
Neu ist das Phänomen nicht: Schon in den 1990er-Jahren sorgte Rapperin „Lady Bitch Ray“ für Aufsehen, weil sie Schimpfwörter offensiv zur Selbstbezeichnung nutzte. Das Ziel: Wörter zurückerobern, die lange vor allem abwertend und von Männern verwendet wurden. Je selbstbewusster Frauen sie einsetzen, desto weniger wirken sie abwertend. Die Begriffe werden zur Provokation, verlieren aber nicht automatisch ihre Wut und Beleidigungswirkung.
Für Heranwachsende sind Musiker*innen und Stars Vorbilder. Sie beobachten, wie man auftreten kann, und lernen Rollen, Grenzen und eigene Handlungsmöglichkeiten kennen. Solche Frauen, die Raum beanspruchen und Worte neu definieren, können wichtige Vorbilder sein.
Gleichzeitig ist die ständige Nutzung drastischer Schimpfwörter medial wirksam, im persönlichen Umgang aber nicht immer angemessen. Kinder und Jugendliche müssen lernen, ihre Vorbilder kritisch einzuordnen und eigene Grenzen zu ziehen, wie sie sich beispielsweise kleiden, verhalten oder ausdrücken möchten.
Die Rückeroberung von Schimpfwörtern ist eine feministische Strategie, sie funktioniert aber nicht für alle. Manche Jugendliche fühlen sich unter Druck gesetzt, ebenfalls provokant zu sprechen oder sich so zu inszenieren. Außerdem besteht die Gefahr, dass die Wörter weiterhin verletzend eingesetzt werden, vor allem außerhalb des feministischen Kontexts.
Viele Stars bedienen trotz starker Worte klassische Schönheitsideale, etwa durch sexualisierte Auftritte oder Schönheitsoperationen. Hier verschwimmen Selbstermächtigung und Anpassung, was für Jugendliche schwer zu durchschauen ist. Kinder sollten auch verstehen, dass Provokation und Inszenierung oft ein Geschäftsmodell sind. Stars verdienen damit Geld.
Für Eltern ist die Verwendung starker Schimpfwörter oft erst einmal schockierend. Begriffe wie „Fotze“ waren zu ihrer eigenen Jugend tabu. Doch Sie sollten sich bewusst machen: Jede Generation provoziert mit neuen Begriffen. Während früher schon ein „Scheiße“ Eltern überraschen konnte, ist es heute eben „Bitch“. Das signalisiert keinen Werteverfall.
Bleiben Sie im Gespräch mit Ihrem Kind und bringen Sie dabei Ihre eigene Perspektive ein: Besprechen Sie, was Ihr Kind an den Medienfiguren oder an dieser Sprache fasziniert. Lassen Sie sich den feministischen Ansatz dahinter erklären. Besprechen Sie auch, dass Wörter verletzend sein können und respektvoller Umgang ein wichtiger Wert bleibt.
Kleidung und Selbstpräsentation können Sie begleiten: Helfen Sie Ihrem Kind, einen eigenen Stil zu entwickeln, denn nicht alles, was auf der Bühne wirkt, passt in den Alltag.
Für Kinder ist es wichtig, ihre Vorbilder medienkompetent und kritisch zu betrachten. Sie dürfen und sollen aus dem Input von Stars, Medien, Freund*innen und Eltern ihre eigenen Positionen, Werte und Entscheidungen ableiten.