Manchmal öffnet man eine App und hat das Gefühl, sie weiß mehr über einen als man selbst. Verantwortlich dafür sind algorithmische Empfehlungssysteme, die Inhalte nach bestimmten Kriterien sortieren, gewichten und priorisieren. Sie bestimmen, welche Inhalte den Nutzenden, also auch Kindern und Jugendlichen, bevorzugt angezeigt werden. Für Eltern ist es wichtig zu verstehen, wie diese Systeme funktionieren und welche Auswirkungen sie haben können.
Algorithmen entscheiden, wie Inhalte im persönlichen Feed angezeigt werden, und schlagen beispielsweise auch im Suchbereich weitere Inhalte vor. In sozialen Netzwerken tragen solche Bereiche Namen wie „For You“, „Feed“ oder „Entdecken“. Gemeint ist immer dasselbe Prinzip: Inhalte werden nicht zufällig angezeigt, sondern individuell ausgewählt. Solche Empfehlungsmechanismen finden sich nicht nur in sozialen Netzwerken, sondern auch bei Streaming-Diensten, Videoportalen oder Online-Shops. Grundlage dafür sind vor allem Nutzungsdaten. Dazu zählen angesehene Inhalte, Likes, Kommentare, Verweildauer, Suchanfragen, Geräteinformationen und teilweise auch Standortdaten.
Algorithmen zeigen bevorzugt Inhalte, die zu bisherigen Interessen passen oder besonders starke Reaktionen auslösen, beispielsweise durch Überraschung oder Provokation. Plattformen möchten relevante Inhalte anzeigen und Nutzer*innen möglichst lange dort halten. Für Kinder bedeutet das: Wenn ihnen etwas gefällt oder sie lange dabeibleiben, bekommen sie mehr davon angezeigt. Andere Themen treten in den Hintergrund.
Bei Instagram wird der Standard-Feed seit 2016 algorithmisch sortiert. Ein lernendes System bewertet verschiedene Faktoren und entscheidet, welche Beiträge als relevant erscheinen. Dabei werden unter anderem frühere Interaktionen, die Beziehung zu anderen Accounts oder die Art der Inhalte berücksichtigt. Seit 2022 können Nutzer*innen in der App über das Menü oben zwischen einer chronologischen Ansicht („Folge ich“ oder „Favoriten“) und dem algorithmischen Standard-Feed wechseln. „Folge ich“ zeigt Beiträge aller abonnierten Accounts in zeitlicher Reihenfolge, „Favoriten“ zeigt nur ausgewählte Accounts chronologisch. Die Auswahl gilt jeweils nur für die aktuelle Sitzung und muss bei Bedarf erneut aktiviert werden.
Das System passt sich laufend an. Je mehr Ihr Kind – oder auch Sie selbst – mit bestimmten Inhalten interagiert, desto stärker prägen diese den Feed. So entsteht ein sehr persönlicher Nachrichtenstrom, der sich für Ihr Kind oft stimmig anfühlt, aber auch einseitig werden kann.
Auch Spotify arbeitet mit personalisierten Empfehlungen. Aus dem Hörverhalten erstellt Spotify ein Geschmacksprofil. Dabei werden gehörte Songs, Playlists, Wiederholungen, Tageszeiten und Nutzungsdauer berücksichtigt. Auf dieser Basis entstehen individuelle Vorschläge wie personalisierte Mixe oder Wochenempfehlungen.
Zusätzlich vergleicht das System Hörgewohnheiten mit denen anderer Nutzender. Ihr Kind bekommt dadurch Musik empfohlen, die zu ähnlichen Profilen passt. Das kann Neues eröffnen, verstärkt aber auch bestehende Vorlieben.
TikTok gewichtet besonders stark die Verweildauer und Interaktionen. Bereits nach kurzer Zeit erkennt das System, welche Videos Ihr Kind länger anschaut oder mehrfach ansieht. Diese Signale haben mehr Einfluss als Likes oder die Anzahl der Follower*innen.
Ein Effekt davon ist, dass auch Inhalte von unbekannten Accounts sehr schnell große Reichweite bekommen können. Gleichzeitig kann sich der Videostrom stark verengen, wenn ein Thema besonders oft angesehen wird. Auch sensible oder problematische Inhalte können so verstärkt auftauchen.
Nach dem Digital Services Act (DSA) müssen sehr große Plattformen in der EU transparenter erklären, wie ihre Empfehlungssysteme funktionieren, und teilweise eine nicht personalisierte Anzeige von Inhalten anbieten. Diese Optionen sind vorhanden, jedoch oft nicht leicht zu finden.
Ihr Kind sollte wissen, dass Empfehlungen technisch gesteuert sind und nicht zufällig entstehen. Gespräche über Algorithmen helfen, Inhalte besser einzuordnen:
Für Kinder – und oft auch für Erwachsene – ist es häufig schwer zu durchschauen, warum eine App sie scheinbar so gut versteht. Umso wichtiger ist es, Medienkompetenz zu fördern. Dazu gehört auch, über die Faszination sozialer Medien zu sprechen und darüber, wie Technik Aufmerksamkeit lenkt. Gemeinsames Ausprobieren, etwa das Zurücksetzen von Verläufen oder das Anpassen von Einstellungen, kann dabei zu hilfreichen Aha-Momenten führen.